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Eines Tages im Cafe Sand

Vor Jahren, als das Cafe Sand an der Weser noch eine charmant chaotische Ansammlung von Zelten, Hippies und kreischenden Kindern war, konnte es einem passieren, dass der um Aufmerksamkeit der Bedienung heischende zarte „Hallo“-Ruf mit einem herzhaften „Willste mit mir telefonieren oder was?“ beantwortet wurde. Das war der Tribut, den der strandhungrige Bremer für den Aufenthalt zu zahlen hatte.
Lange vorbei, mittlerweile steht am Cafe Sand ein Prachtbau und die Grundsätze der Kundenbetreuung sind auch dort eingezogen – sollte man meinen.
Daß dem nicht so ist konnten wir am gestrigen warmen Abend beobachten. Die Armada der aufgeregten Mütter samt komplett verdreckter Kinder war abgezogen oder im kreischenden Aufbruch. Und diese Welle der Besucher hatte seine Spuren am Getränkekiosk hinterlassen, der einer explodierten Altglassammlung bedenklich nahe kam.
Dahinter stand eine junge Dame, sichtlich um Fassung bemüht. Die Bestellung zweier Gläser Weißwein lief dann wie folgt ab:

„Welchen Weißwein habt Ihr denn im Angebot?“

„Pinot Grigio, Riesling und Chardonnay!“

„Dann nehme ich zwei Rieslinge, bitte!“

„Riesling ist alle.“

Aha. „Dann bitte zwei Chardonnay.“

Sie zeigt auf eine inmitten des Glaschaos aufragende, offene, fast leere Literflasche.

„Der ist warm. Da müsste ich eine neue Flasche aufmachen.“

Sie zeigt auf einen Getränkekühlschrank, dessen Tür offen steht – schon lange offen steht.

„Gute Idee. Dann bitte eine neue Flasche.“

Sie stutzt kurz, holt aus den Tiefen des Kühlers eine Literflasche Riesling.
Um die Situation nicht an den Rand einer Katastrophe zu bringen, beschliesse ich, sie nicht auf die Diskrepanz von „Riesling ist alle“ und der vor uns stehenden Flasche hinzuweisen.

Das nächste Hindernis für die sichtlich überforderte Bedienung:

„Ich hab aber nur diese Gläser.“ Sie deutet auf Biergläser mit 0,3 Liter Volumen.

„Kein Problem. Passt ja mehr rein!“ Haha. Der Witz findet erst spät in ihre Wahrnehmung.

„Stimmt. Da tue ich etwas mehr rein, wegen der nicht so schönen Gläser.“

Quantität statt Qualität. Soll uns recht sein, es ist ein warmer Tag und der Kiosk etwas weit weg von unserem Sitzplatz.

Sie schenkt schwungvoll ein, es werden dann aber deutlich unter 0,2. Der Weg der Gläser zu uns ist etwas holprig. Eines der noch immer dort stehenden leeren Gläser fällt mit Geschepper um und wird mit Augenrollen wieder aufgestellt.

Das Austrinken des Weines wird immer wieder untermalt vom Geschepper umfallender Gläser aus dem Ausschank. Den wir wieder aufsuchen, um Nachschub zu holen.

Kein Kunde dort, gute Voraussetzungen. Die junge Dame steht rauchend inmitten der noch immer exakt gleich aussehenden Glaswüste.

„Zwei Riesling, bitte. Können in diese Gläser.“ Ich will vermeiden, dass unsere Gläser nochmal unnötig mit dem Spielwasser in Berührung kommen.

„Darf ich erst aufrauchen?“

Ungläubiges Schweigen meinerseits. Sie legt die Zigarette zur Seite.

„Riesling ist alle.“

Ich deute auf die zwischen uns stehende Literflasche, der ungefähr 0,4 Liter Inhalt und jetzt sicherlich auch Kälte fehlt.

„Oh. Ich dachte, wir haben keinen mehr. Ich hab aber keine Weingläser mehr.“ Stimmt, weil ungefähr 10 davon immer noch unabgespült auf der Theke herumstehen – einige davon liegen auch, wahrscheinlich hat sie es aufgegeben, die immer wieder aufzustellen.

„Macht nichts. Können in diese Gläser.“

Beim Herüberreichen der sparsam eingeschenkten Gläser fällt ein leeres Glas um.

So ein zweites Glas Wein macht hungrig, also geht es an die ebenfalls dort aufgestellte Würstchenbratbude. Die wird besetzt und nach besten Wissen und Gewissen betrieben von einem jungen Mann. Auch dieser Arbeitsbereich zeigt Spuren eines langen, harten Würstchenbrattages.

Vor mir stehen noch drei Personen um verschiedene Kombinationen von Wurst, Pommes und Teller an.

Im Moment werden grad die Würstchen auf dem Grill neu geordnet. Eine Schwierigkeit dabei: Der Grill steht minimal nach links geneigt, da Würstchen mit zunehmender Garzeit schön rund werden, rollen sie zum linken Ende und provozieren so einen konstanten Kampf des Würstchenwenders mit den Tücken der Schwerkraft. Der Grill ist nicht besonders groß und steht auf einem Tisch. Mit Hilfe der zahlreich lose in der Bude herumfliegenden Wurstpappen könnte man den schnell ausrichten. Das Studienfach des jungen Mannes sind sicherlich keine naturwissenschaftlichen Fächer, so kommt ihm diese hilfreiche Idee nicht.
In den Kampfpausen, die Würstchen sind hinreichend stabilisiert, werden Bestellung angenommen und vorbereitet. So ein ständiger Kampf mit rollenden Würstchen fordert seinen geistigen Tribut, und die unterschiedlichen komplizierten Anforderungen nach „Wurst, Pommes, auf einen Teller“ oder „Zwei Würste auf zwei Pappen“ sorgen dann dafür, dass die zwei Würste auf einem Teller und die Wurst-Pommes-Kombination in zwei kleinen Schalen landet. Mittlerweile hat sich im anstehenden Publikum eine gewisse Resignation eingestellt, man hilft sich selbst mit Papp- und Tellertausch. Und jede Nachfrage des Grillers wird spontan und ausführlich von allen Anstehenden beantwortet.

Der Wurstvorrat ist auf drei geschrumpft, die bereits an Wartende vergeben sind, und es gibt keinen Nachschub mehr. Ein Neuankömmling bestellt vier Würstchen und bekommt vier Pappen vor sich ausgelegt. Im Weggehen höre ich den Griller dann: „Oh, Sie wollten vier? Ich hab aber nur noch drei!“.

Den darauf einsetzenden Protest der Wartenden höre ich nicht mehr genau…

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